Mini-Krimi zum Muttertag

Berthold Busche hatte den Brief zwischen den Werbeprospekten nicht gleich bemerkt. Sonderbar, kein Absender! Er riss den Umschlag auf, zog die beiden Blätter heraus und erstarrte. „Ich weiß alles“, stand dort, in aus Zeitungen ausgeschnittenen Buchstaben. Der Kerl wollte 200?000 Euro! Genau die Hälfte der Summe, die Berthold bei der Bank, wo er als Anlageberater arbeitete, nach und nach klammheimlich beiseitegeschafft hatte. So stand es auch in dem Schrieb. Bleich überprüfte Berthold die Einträge in seinem schwarzen Notizheft. Er hatte genauestens Buch geführt. Was in dem Wisch behauptet wurde, stimmte bis auf den letzten Cent. Bertholds Herz hämmerte wie eine alte Waschmaschine.

Als seine Mutter vom Einkaufen zurückkam, saß er immer noch im Morgenmantel am Küchentisch und stierte die Tapete an. „Noch nicht angezogen? Was ist denn los?“, wollte sie wissen. „An meinem freien Tag kann ich schließlich tun und lassen, was ich will!“, blaffte er. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich muss sowieso gleich wieder weg. Die Kostüme für die nächste Saison sind noch nicht fertig.“ Sie seufzte. „Da gibt’s eine Menge zu tun im Theater.“ Er hörte gar nicht hin. Er hatte jetzt ganz andere Sorgen. Der Erpresser konnte eigentlich nur ein Kollege aus der Bank sein. Aber wer? Im Grunde waren ja alle verdächtig. Nein, so sehr er auch grübelte – er würde wohl zahlen müssen. Und dem Burschen eine Falle stellen!

Die Geldübergabe sollte im Stadtpark stattfinden. Berthold hatte alles vorbereitet. Er lauerte hinter einem Gebüsch. Wäre doch gelacht, wenn er den Kerl nicht zu fassen bekäme!Der Blechkoffer mit dem Geld lag in einer Mülltonne neben einer Reihe von Sitzbänken. Berthold hatte ihn weisungsgemäß mit Zeitungspapier abgedeckt. Jugendliche plärrten vorüber und besprühten die Bänke mit Graffiti. Der Mann im Kaschmirmantel, der sie verjagte, kam Berthold bekannt vor. Ihm stockte der Atem. Sein Chef aus der Bank? Nein, der Typ sah ihm bloß ähnlich. Er verzog sich gleich wieder, als ein Penner mit zwei prall gefüllten Plastiktüten heranschlurfte. Da! Ein Geräusch hinter ihm in den Zweigen ließ Berthold herumfahren. Eine Krähe flog laut schreiend auf – Fehlalarm! Als er wieder nach vorne blickte, war der Obdachlose verschwunden. Und mit ihm, wie Berthold nach weiteren Minuten ereignislosen Wartens feststellte, auch der Geldkoffer.

Spät am Abend kam Berthold nach Hause und wunderte sich, dass kein Licht brannte. „Mutter!“, brüllte er durch die Wohnung. Keine Antwort! Wütend knallte er die Tür ins Schloss. Nach Essen roch es jedenfalls nicht! Er stürzte in die Küche. Auf dem Herd stand einsam eine leere Bratpfanne, auf dem Tisch lag ein Brief: „Berthold! Fünfundvierzig lange Jahre habe ich dich versorgt; dich bekocht, deine Hemden gebügelt, dir die Socken gestopft. Damit ist nun Schluss! Warum? Weil ich neulich beim Aufräumen dein schwarzes Notizbuch fand. Das hat mir endgültig die Augen über dich geöffnet! Der Obdachlose im Stadtpark, das war ich! Die Verkleidung aus dem Theaterfundus passte doch perfekt, oder nicht? In dem sonnigen Land, wo ich mich zur Ruhe setzen werde, kann ich von 200?000 Euro gut leben, danke! Was du da unterschlagen hast, musst du aber wieder zurückgeben, hörst du?! Und zwar die ganzen 400?000! Bis spätestens nächsten Monat! Sonst kriegt deine Bank einen anonymen Brief von mir! Gehab dich wohl oder auch nicht, mir ist’s jetzt gleich! Tschüss, deine Mutter!“ Maxeiner/DEIKE
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