Schönaich: Unterwegs mit den Rettungssanitätern des Arbeiter-Samariter-Bund (ASB e.V.)

 

Kein Dienst nach Vorschrift

Im täglichen Leben werden die Einsatz- und Rettungskräfte von den Menschen unterschiedlich wahrgenommen. Die Polizei kommt meistens nur, wenn es Ärger gibt, die Feuerwehren rücken ebenfalls nur aus, wenn etwas Schlimmes passiert und auch die Sanitäter in ihren Rettungsfahrzeugen sind überwiegend unterwegs, wenn es um Leben und Tod geht. Wie gehen die Menschen mit diesem permanenten Druck um? Wie hoch ist die Motivation, mit Blaulicht und Sonderrechten auf den Straßen zu fahren? Sind alle Rettungssanitäter Weltverbesserer? Unser Redakteur hat eine Diensteinheit auf der Rettungswache des Arbeiter- und Samariter Bunds (ASB) begleitet.

Im Vorfeld meiner Planungen stellte ich mir oft die Frage, wie es sein würde, bei einem Einsatz direkt dabei zu sein. Bei uns im Redaktionsbüro trudeln die Polizeimeldungen stündlich ein. Manches verliert dabei schnell seinen Schrecken, die eintreffenden Meldungen werden gesichtet, eingeordnet und kurz bewertet. “Soll das ins Blatt?”. Erledigt, nächstes Thema.
Je näher der Tag dann rückte, an dem es die Einsatzleitung des ASB in Ludwigsburg ermöglichte, hautnah mit einer Rettungswagenbesatzung Dienst zu tun, desto mulmiger wurde es mir. Im Vorfeld wurden mit der Leitung des Landesverbandes einige organisatorischen Punkte besprochen, der Ablauf war also planbar. Einzig die Geschehnisse an diesem Tag konnten nicht vorhergesehen werden.

16 Uhr
Nach dem Eintreffen auf der Rettungswache in Schönaich werde ich sehr herzlich von Marcus begrüßt. Nicht ohne Stolz zeigt er sofort auf das “NEF”, welches direkt vor der Rettungswache parkt. “Das ist unser Notarzt-Einsatzfahrzeug, mit dem sind wir heute unterwegs”, so der 24-jährige Leiter der Rettungswache, die momentan noch mehr nach einem besseren Holzverschlag mit angrenzendem Container aussieht. Meinen irritierten Blick erfasst er schnell, man sei schon in den Planungen für eine neue Wache in Sichtweite des provisorischen Unterschlupfes. Schnell sind wir beim Du gelandet, das schafft Nähe und Vertrauen. Beides wichtige Aspekte beim Rettungsdienst. Auf der Wache schlüpfe ich in die etwas zu kurze Hose, bekomme ein weißes Polohemd und einen warmen dunkelblauen Fleecepullover. Komplettiert wird meine ASB-Rettungsausrüstung durch eine schwere, rot-gelbe Jacke mit allerhand Taschen. Es kann losgehen, denke ich. Wie aus dem Drehbuch kommt schon die Nachricht von den Kollegen im Rettungswagen. Der Einsatz in Böblingen dauert länger, Verdacht auf Herzinfarkt. “Alles nicht planbar bei uns”, so Marcus nüchtern. Wir entscheiden uns, mit dem NEF zum Einsatzort zu fahren. Ich schnappe mir meine Kameratasche und setze mich auf den Beifahrersitz des NEF. Mir wird etwas mulmig, mein Herz klopft bis zum Hals. Was erwartet mich dort, bei einem Herzinfarkt?
Beim Eintreffen in Böblingen hat sich die Situation etwas entspannt. Die Patientin ist versorgt und wird in das Klinikum nach Sindelfingen gebracht. Permanent läuft im NEF der Funk. Aus dem Lautsprecher krächzen Zahlen, ständig knackt es und die Leitstelle informiert die sich im Einsatz befindlichen Rettungsteams. Leicht zu verstehen ist diese Mischung aus Zahlen und kurzen Sätzen nicht. Mein ständiger Begleiter Marcus achtet als Fahrer des hoch motorisierten NEF nicht nur auf den dichten Feierabendverkehr, sondern hat auch ein Ohr bei den Funksprüchen und gibt mir parallel Antworten auf meine Fragen zur Struktur der Rettungsdienste. So erfahre ich beispielsweise, dass der Notarzt in Baden-Württemberg separat zur Einsatzstelle gefahren wird, sofern man ihn anfordert oder die Leitstelle ihn gleich mit auf den Weg schickt. Man nennt dieses System “Rendezvous-System”.
Während wir ohne Sondersignal gemütlich in das Klinikum fahren, versucht mir Marcus die Besonderheiten des Schichtdienstes verständlich zu erklären. Nach zwei Tagen Tagesdienst, in denen sein Dienst um 6.30 Uhr beginnt und um 18.30 Uhr endet, schliessen sich zwei Nachtschichten an. Dann arbeitet er von 18.30 Uhr bis 6.30 Uhr. Immer 12 Stunden und immer unter Anspannung. Während dieser vier Tage ist in seinem Fall nahezu kein normales Leben möglich. Man ruht sich von der Arbeit aus, versucht etwas zur Ruhe zu kommen und erledigt das Notwendigste. Die sich dann anschließenden vier Tage ohne Dienst benötigen die Rettungskräfte sowohl für die körperliche, als auch für die mentale Erholung. “Trotz dieser Belastung kann ich mir nicht vorstellen, dass es einen schöneren Beruf kann”, so der 24-jährige strahlend. Er wollte früher zur Polizei, entschloss sich aber dann für den Rettungsdienst. “Ich wollte immer schon etwas Sinnvolles leisten”, bereut er keinen Tag seiner Arbeit.
Der Zustand der Patientin hat sich auf der Fahrt stark verbessert, die beiden Kollegen Carsten und Philipp, beide 28, die an diesem Tag den Tagesdienst leisten, führen noch die Übergabe an die Pflegekräfte der Notaufnahme durch. Routiniert prüft Marcus inzwischen die Meldungen auf dem großen Bildschirm, der zentral in der Notaufnahme hängt. Dort werden die jeweiligen Einsatzfahrzeuge mit Art und Umfang der Verletzung angekündigt. Demnächst werden hier auch zwei Teams des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und der Johanniter-Unfall-Hilfe im Klinikum erwartet. In der Notfallaufnahme herrscht professionelle Aufgeregtheit.
In der geräumigen Garage der Notfallaufnahme witzeln die beiden Kollegen mit einer zufällig vorbeikommenden Notärztin über den den letzten gemeinsamen Einsatz, während sie ihr Rettungsfahrzeug reinigen und desinfizieren. Ich werde in meiner ASB-Rettungsjacke gleich als neuer Kollege gesehen und in das Fachgespräch mit einbezogen. Unser heiteres Geplänkel wird jäh unterbrochen, aus dem Funkgerät kommt die Meldung über einen Verkehrsunfall in Maichingen. Obwohl das Einsatzgebiet der Schönaicher Einheit nicht bis zum Unfallort reicht, wird in diesem Fall der ASB dorthin beordert. Der Rettungswagen ist der derzeit am nächsten gelegene einsatzfähige Wagen. Der kurz bevorstehende Feierabend für die Carsten und Philipp ist damit nach hinten gerürckt. Geplant war ein gemeinsames Abendessen mit einer Kollegin, die sich extra diesen Abend freigehalten hat. Inzwischen sind die näheren Umstände des Verkehrsunfalls bekannt. Ein dreijähriges Kind ist von einem Auto angefahren worden. Ich denke sofort an unseren jüngsten Sohn und mir wird schlecht. Wie können in dieser Situation die beiden Sanitäter mit einem klaren Kopf und Blaulicht durch den abendlichen Feierabendverkehr rasen? Marcus bemerkt mein Gesicht und beschreibt die Situation im vor uns fahrenden Rettungswagen. “Carsten und Philipp sprechen sich jetzt genau ab. Sie wissen exakt was zu tun ist, wenn sie am Einsatzort eintreffen”.
Wir kommen kurz nach dem Rettungswagen an der Straßenkreuzung in Maichingen an. Die Polizei hat den Bereich abgesperrt und die beiden Kollegen versorgen im Rettungswagen das kleine Kind. Auch der Vater ist im Fahrzeug und kümmert sich um seinen Sohn. Einige Minuten später steckt Philipp seinen Kopf aus dem Rettungswagen, sein Blick lässt mich zur Ruhe kommen. Bis auf eine blutende Lippe und einen gehörigen Schreck hat der Kleine nichts abbekommen. Mir jedoch steckt der Schreck immer noch tief in den Knochen.

18.10 Uhr

Zurück am Klinikum Sindelfingen erlebe ich ein kurzzeitiges Treffen aller im Kreis Böblingen tätigen Rettungsorganisationen. Der überdachte Übergabeplatz, sowie der Platz davor ist komplett mit Einsatzfahrzeugen des DRK, des ASB, der Malteser und der Johanniter belegt. Die Einsatzkräfte begrüßen sich freundlich, manchmal bleibt auch noch Zeit für ein kurzes privates Gespräch. Der gemeinsame Beruf verbindet extrem.
Das Team unseres Rettungsfahrzeuges freut sich auf das gemeinsame Abendessen. Zum gedachten Dienstende um 18.30 Uhr reicht es allerdings nicht. “Mal sehen, wo es uns heute abend noch hin verschlägt”, sagt Carsten. Nebenbei werden noch Dienstpläne besprochen. Alltag bei den Rettungsassistenten und Notfall-Sanitätern aller Rettungsdienste.
Dann wieder die Duplizität der Ereignisse. Während die Kollegen noch im Gespräch vertieft sind, kommt der nächste Einsatzbefehl. Eine Frau ist im Böblinger Thermalbad gestürzt und blutet stark. Wieder geht es mit Sondersignal zum Einsatzort. Wieder läuft alles anders. Und wieder rückt der Feierabend nach hinten. “Das gehört zu unserem Beruf dazu, darüber wird auch nicht lamentiert”, meint Marcus lapidar. Das Gespräch zwischen den Kollegen über den bevorstehenden Urlaub ist innerhalb von Sekunden unterbrochen. Das Einsatzteam ist wieder höchst konzentriert auf dem Weg zum nächsten Fall. Vor Ort wird die Patientin nicht nur notfalltechnisch versorgt, sondern auch von der ruhigen Stimme Philipps beruhigt. Der Schreck sitzt tief, die Gesichtsverletzung ist jedoch nicht so schwer wie anfangs angenommen. “Nichts gebrochen, wir bringen Sie jetzt in die Klinik”, raunt mir Philipp zu, kurz bevor wir in den Rettungswagen steigen. Dort nehme ich zum ersten Mal an diesem Tag Platz und kann erleben, was im Inneren, während einer Fahrt geschieht. Die Patientin blutet immer noch aus der Nase. Während Philipp die Daten der Frau mit einem kleinen Tablet festhält, ist sein Blick konzentriert und er erfasst dennoch die ganze Szenerie. Um den Zustand der Patientin zu kontrollieren, spricht er permanent mit ihr. Das Adrenalin im Körper nimmt ihr die Schmerzen, angespannt ist sie dennoch. Im Klinikum angekommen wünsche ich ihr gute Besserung, mehr kann ich nicht tun, trotz meiner Rettungsjacke.
Nach dem dritten Einsatz an diesem Tag kommen wir etwas zur Ruhe. Seit Beginn meiner Reportage sind wir ständig im Einsatz. Mein geplantes Vorhaben, die persönlichen und privaten Hintergründe der Lebensretter zu erfahren, konnte ich bisher nicht mit den Dreien besprechen. Ich habe mich über die Anfeindungen von Rettungskräften gewundert, die Nutzung der Einsatzfahrzeuge als schnelles Taxi und die Überlastung der Notaufnahmen durch Krankheitsfälle, die eigentlich einem Hausarzt zuzuordnen sind. Diese Themen werden derzeit in der Presse diskutiert und beschäftigen auch die Helfer direkt. “Zu manchen Einsätzen gehen wir ohne Namensschild”, berichtet Marcus. Auch er hat schon Betrunkene mit seinem Rettungswagen transportiert. “Eigentlich kein Fall für uns”, konstatiert er. Generell haben die Einsatzhäufigkeiten zugenommen. “Als ich vor einigen Jahren angefangen habe, war weitaus weniger los”, weiß Carsten, der ursprünglich aus der Nähe von Bonn kommt. Auch sei die Schwelle gesunken, den Rettungsdienst zu beauftragen. Ein extremer Fall sei dabei vor einigen Wochen ein Vater gewesen, der seinen Sohn nicht mit dem eigenen Auto zum Arzt fahren wollte, weil er es kurz zuvor geputzt hatte. Und das wegen einer Magen-Darm-Verstimmung. “Wir kommen oft zu Einsätzen, wo wir eigentlich nicht hin sollten”, so die einhellige Meinung. Für die richtigen Notfälle bleibt dann weniger Zeit. Dem Disponenten der Leitstelle kann dabei kein Vorwurf gemacht werden, denn die Situation am Telefon richtig zu bewerten, sei extrem schwer. “Schnell ist die 112 gewählt und die Maschinerie läuft an”, sagt Marcus knapp dazu.

19.05 Uhr

Das Dienstende ist bereits seit einer halben Stunde vorbei und wir stehen immer noch im Rettungswagen vor der Klinik. Trotz der leichter Verletzung der zuletzt transportierten Patientin muss das Fahrzeug gereinigt und desinfiziert werden. Auch die Bürokratie erfordert die Aufmerksamkeit von Philipp, obwohl der ASB mit dem eigens dafür entwickelten Tablet schon im neuen Zeitalter angekommen scheint. Die Daten werden einmal erfasst und stehen den jeweiligen Ärzten digital zur Verfügung.

In der Rettungswache Schönaich warten schon die Kollegen der Nachtschicht. Die Übergabe des Rettungswagens und die Materialliste müssen noch abgearbeitet werden. Ruhig und besonnen übernehmen Benjamin und Manuel die Nachtschicht. Ich traue mich kaum, die beiden anzusprechen. Zu tief sind die Eindrücke meiner letzten Stunden direkt an den Einsatzorten. Ich erkenne die Wichtigkeit der Arbeit der Rettungskräfte und möchte nicht in die sensible Struktur störend eingreifen. Doch der Gute-Laune-Bär des Teams hat anderes vor. “Was möchtest Du alles wissen”, lädt mich Benjamin zu sich an den Tisch. In der Küche wartet das Abendessen, welches der leidenschaftliche Koch an diesem Abend für sich und Manuel zubereiten möchte. Lammkoteletts mit frischem Gemüse. “Wenn kein Einsatz kommt”, beginnt unser Gespräch, bevor kurz darauf der Alarmmelder die beiden in die Nacht schickt. Mein Gespräch und das leckere Lamm müssen warten. (mac)
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