Çeşme (Türkei)/Chios (Griechenland)/Schönbuchlichtung: Spendengelder aus der Schönbuchlichtung füllten die Lager der Hilfsorganisationen

 

Die Welt der Zelte

Die Sonne knallt unbarmherzig auf das Plastikdach. Holzlatten und Seile sorgen für eine gewisse Stabilität. An manchen Seiten halten Decken Erde und Staub aus dem Innern fern. Innen liegen Bastmatten oder Teppiche auf dem Boden. Es gibt weder Betten noch Schränke. Keine Toiletten, nur Löcher in den Böden. Ein wenig Wasser kommt aus dem Tank. Gekocht wird auf einer Feuerstelle. Wer Campingromantik vermutet, der täuscht sich. Willkommen in Çeşme, an der Außengrenze Europas, wo Flüchtlinge davon überzeugt werden sollen, nicht nach Europa zu fliehen.

Täglich werden im Materiallager der Hilfsorganisation İmece İnisiyatifi Çeşme Lebensmittelpakete gepackt. Einheimische Studenten und ausländische Volunteers, vor allem vom Stuttgarter Verein „Balkan Route Stuttgart“, füllen Reis und Bohnen aus großen Säcken in separate Tüten ab und geben noch jeweils eine Tüte Milch, Mehl, Nudeln und Kinderkekse dazu, sowie eine Flasche Öl hinzu. Das ist die wöchentliche Ration, mit der die Hilfsorganisation die Flüchtlingsfamilien, die nicht in den offiziellen türkischen Camps leben, versorgt. Insgesamt sind dies etwa 5.000 Menschen, dazu kommen 350 Babys und Kleinkinder. Sie erhalten noch Windelpakete, Feuchttücher und Babyshampoo, die Frauen Damenbinden. Unregelmäßig werden zudem Decken ausgeteilt, auch mal Damenunterwäsche, Schuhe für die Kinder.
Noch immer ist es den Flüchtlingen in der Türkei nicht offiziell gestattet, einer regulären Arbeit nachzugehen. In den innoffiziellen Camps erhalten sie auch keine finanzielle Unterstützung. Also suchen sie nach alternativen Einkommensmöglichkeiten. Vorwiegend in den Küchen des Landes, als Putzhilfen  oder in der Landwirtschaft. In der Regel verdienen sie umgerechnet einen Euro am Tag. Kinderarbeit ist dabei nicht selten.
Ali Güray Yalvaçlı ist der Gründer und Kopf der Hilfsorganisation. Ihm liegen vor allem die Kinder am Herzen. Immer hat er einen Luftballon für sie in der Hosentasche, ein liebes Wort, streichelt ihnen übers Haar.
Neben den rund 50 Camps im Freien werden vereinzelt auch Adressen in Izmir angefahren, in denen sich vor allem alleinstehende Frauen und Familien versuchen, ihre Würde  zu wahren, in dem sie für horrende Summen, eine Wohnung anmieten. Nicht selten prostituieren sich die Frauen dafür, wissen dafür aber ihre Kinder halbwegs in Sicherheit. Finanziell wird die türkische Hilfsorganisation von Spenden getragen, die zum Großteil aus Deutschland kommen.
In den letzten Wochen und Monaten kamen diese Spenden auch von der Schönbuchlichtung und der Fildergegend. Fast 6.000 Euro an Spenden wurden aufgrund des Spendenaufrufes über die Chefredaktion des Schönbuch Echos gesammelt. Von diesem Geld wurde nicht nur die ehrenamtlich getragene Küche des Flüchtlingscamps auf Chios (Griechenland) mit 1.500 Euro finanziert, sondern auch die Lagerräume von Imece bis unters Dach aufgefüllt: Insgesamt konnten von den Spendengeldern 1.500 Kilo Reis, 1.250 Kilogramm Bohnen, 1.200 Packungen Mehl, 500 Packungen Nudeln, 1.000 Flaschen Öl, 3.000 Liter Milch und außerdem Seife, Damenbinden und Babyfeuchttücher gekauft werden. Helfer aus sieben Nationen beteiligten sich daran, die Kartons und Säcke nach Anlieferung im Lager einzusortieren.
Die ersten Lebensmittelpakete mit diesen Spenden aus der Region sind bereits gepackt und verteilt worden. Allein in den letzten beiden Tagen wurden in der Gegend, die von Imece versorgt wird, zwei neue Lager entdeckt und damit 50 neue Familien, die zu versorgen sind. Die ehrenamtlichen Helfer aus aller Welt wechseln dabei im Schnitt im zweiwöchentlichen Turnus. 

Auf Chios, eine der Inseln der östlichen Ägäis, auf der anderen Seite der europäischen Außengrenze, sieht es nicht viel besser aus. Zwar sind die meisten Zelte hier aus Hartplastik und die Lebensmittelversorgung der Menschen ist durch Ehrenamtliche vor Ort und Volunteers aus der ganzen Welt, sowie durch Hilfsorganisationen wie UNHCR, vor allem im Sommer halbwegs gewährleistet. Doch die Lebenssituation ist elend und deprimierend. Seit Monaten sind die Menschen, vorwiegend aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, hier zum Ausharren gezwungen. Selbstmordversuche sind vor allem im offiziellen Camp, in Vial, keine Seltenheit. Die Menschen fühlen sich dort eingesperrt und fremdbestimmt, ohne Aussicht auf Änderung, auf Besserung. Niemand weiß oder kann Auskunft darüber geben, wann der offizielle Asylantrag gestellt werden kann, wie der weitere Weg aussehen wird. Frauen müssen Vergewaltigungen befürchten, an Kinder werden Drogen verkauft.
Von Seiten der verschiedensten Regierungen gibt es viele offizielle Listen und Auflagen. Umgesetzt wird davon kaum etwas.
Die Freiwilligen, die in die Lager gehen, arbeiten täglich daran, das Leid zu mindern, die Frustration mitzutragen. Doch die Anspannung wächst von Tag zu Tag. Sowohl bei den Flüchtlingen, als auch bei den Einheimischen.

Noch immer schmieden die Flüchtlinge Pläne, um von der Türkei nach Griechenland, ins vermeintlich sichere Europa zu gelangen. In den letzten zwei Wochen kamen zwei Schlepperboote auf Chios an. Die Insassen lebten davor in der Türkei, in einem Zelt aus Plane, ohne Perspektive. Von der Überfahrt erhofften sie sich eine Besserung ihrer Situation, der ihrer Kinder. Mittlerweile sind sie im Lager auf Chios. Wieder in einem Zelt. An ihrer Situation hat der Ortswechsel nicht viel geändert. Sie sind jetzt in Europa. (cos)


In eigener Sache
Ich möchte allen Spendern von Herzen für Ihre Unterstützung danken. Viele Briefe haben mich erreicht und zahlreiche gute Wünsche. Gemeinsam haben wir etwas bewirkt. Wir konnten helfen, konnten dafür sorgen, dass es Menschen für einen Moment besser ging, sie spürten, dass sie nicht verlassen sind. Es war kein Tropfen auf den heißen Stein, es war ein Zeichen. Ein deutliches Zeichen. Danke!
Cornelia Schwarz
1
1
1
1
Einem Mitglied gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.