Den Bahnfahrern reicht’s

Es fährt kein Zug nach nirgendwo - zumindest haben diesen Eindruck viele Fahrgäste, die sich über unzuverlässige Verbindungen ärgern.

Umfallen ist nicht möglich: Das ist wahrscheinlich das einzig Positive, das Berufspendlern, die morgens im Zug eingezwängt wie die Sardinen in Richtung Stuttgart fahren, widerfährt. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember hatte der Verkehrsminister einen regelmäßigeren Takt und andere Verbesserungen angekündigt. Eingetreten ist das nicht, im Gegenteil: Für die Eislinger hat sich die Lage verschlechtert.



Verspätungen und Zugausfälle gab es auch bislang schon mehr als genug. In den vergangenen Wochen haben sie aber ein neues Ausmaß angenommen. Dieses Bild ergibt sich durchweg, egal, wo man nachfragt. „Ich höre aus der Bürgerschaft ganz massive Klagen“, sagt Oberbürgermeister Klaus Heininger. Das betreffe Verspätungen ebenso wie Zugausfälle und total überfüllte Waggons. Vor allem vor Weihnachten und im Januar habe man „untragbare Zustände“ erlebt. Ganz ähnlich klingt Jörg-Michael Wienecke vom Amt für Mobilität und Verkehrsinfrastruktur des Kreises Göppingen. Seine Behörde beobachtet über den „Verspätungs-Alarm“ der Deutschen Bahn den Zugverkehr, wird aber auch von den Mitarbeitern und zahlreichen Bürgern informiert. „Bei uns kommen Beschwerden an, Proteste und Hinweise, dass man die Abos kündigt“, sagt er. Was er nachvollziehen könne, denn die Situation habe sich seit dem Fahrplanwechsel im Dezember „dramatisch“ verschlechtert und sei haarsträubend.
Die Bahn selbst – auf der Strecke fährt derzeit noch die DB Regio, eine Tochter der Deutschen Bahn – räumt Probleme ein und führt eine ganze Reihe von Gründen dafür an. Einer sei der extrem hohe Krankenstand in letzter Zeit gewesen. Man wolle jetzt eine Kampagne starten und nach Zugführern in anderen Bundesländern suchen, die bei Bedarf bereit sind, nach Baden-Württemberg zu kommen. Neben „fehlendem Personal“ wurden als Gründe für Zugausfälle auch Fahrzeugschäden und technische Störungen genannt. Tatsächlich habe die Bahn seit dem Herbst die alten, „Silberlinge“ genannte Waggons mit den Hebeltüren ausgemustert, berichtet der Bahnsprecher. Sie seien durch neuere, aber ebenfalls gebrauchte Fahrzeuge ersetzt worden, wobei es zu technischen Problemen gekommen sei. Die heftige Kälteperiode habe das verschärft, weil die Mitarbeiter mit dem Enteisen von Zügen so beschäftigt waren, dass kaum Zeit für die reguläre Wartung geblieben sei.
Bahnfahrer wundern sich durchaus über das Material, das im Einsatz ist. Holger Haas, Eislinger Stadtrat und Berufspendler nach Stuttgart, spricht von teilweise „kuriosen“ Fahrzeugen. Man habe ein bisschen den Eindruck, dass die gesamte Infrastruktur der Bahn veraltet sei. Oder aber, dass speziell die Filstalstrecke auf dem Abstellgleis gelandet sei: Sie gehört zu den Bereichen, die ab 2019 nicht mehr von der DB Regio, sondern von einem ausländischen Anbieter betrieben wird.
Gerade die Filstalstrecke ist zudem sehr stark befahren. Oft sind verschiedene Züge auf den gleichen Schienen unterwegs. Wenn der Plan dann an einer Stelle nicht mehr stimmt, löst das eine Kettenreaktion aus: Langsamere Züge müssen warten und schnellere überholen lassen – und wiederum summieren sich die Verspätungen.
Das Problem liegt aber auch im neuen Fahrplan: Der Takt reduziert die Zeiten im Stuttgarter Hauptbahnhof auf ein Minimum, oft hat der Zug hier nur fünf oder sechs Minuten, um ein- und wieder auszufahren. Da bleibt kein Puffer, um Verspätungen aufzufangen. Diese sogenannten „kurzen Wenden“ seien eine Herausforderung, sagt der Bahnsprecher. Mehr Zeit könne man aber nicht einplanen, denn der neue Fahrplan, so bestellt von der Landesregierung, gebe das nicht her: „Dann kann man den Takt nicht halten.“ Abhilfe schaffen sollen nun zusätzliche Loks und Wagons, die – allerdings nur zu Spitzenzeiten – bereitgestellt werden, um beim verspäteten Eintreffen eines Zugs in Stuttgart an dessen Stelle auszufahren.

Weniger Züge ab Eislingen


Unabhängig davon wurde der Fahrplan für die Eislinger Pendler ausgedünnt, was zur massiven Verschlechterung und zur Unzufriedenheit der Bahnkunden beiträgt. Holger Haas nimmt als Beispiel die Hauptverkehrszeit zwischen sieben und acht Uhr morgens: Der frühere 7.36-Uhr-Zug nach Plochingen ist komplett gestrichen, der frühere – relativ schnelle – 7.54-Uhr-Zug wurde durch einen kurz nach acht ersetzt. Dieser hält aber wesentlich häufiger, sodass er für die Strecke nach Stuttgart sehr lange braucht. „Der einzige Zug, der in dieser Stunde aus Eislinger Sicht noch attraktiv ist, ist der um 7.45 Uhr“, sagt Haas. Der sei folglich „massiv voll“. Als Bahnfahrer wünsche man sich ein sauberes Abteil, einen Sitzplatz und einen Zug, der einigermaßen pünktlich ist“, fasst der Eislinger zusammen. Davon ist die Realität im Filstal derzeit meilenweit entfernt.
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